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Abseits des Mainstreams
Seit Anfang der 90 er Jahre ist ein Grossteil der Weser unter Dauerfeuer. Belagert von Karpfensüchtigen, die mitunter Stellen so penetrant befischen, dass diese auf Jahre hinaus regelrecht verbrennen. Dieses ist ein Phänomen, welches in der Weser in regelmässigen Abständen kontinuierlich, immer wieder aufs Neue schön zu beobachten ist. Bleiben die Fischaktionen erstmal gänzlich aus, dauert es lange, sehr lange, bis die Fische an den überfischten Plätzen wieder fangbar sind. Manchmal sind und bleiben die Karpfen an diesen Plätzen aber auch einfach gänzlich verschwunden. Ich erlebte es einmal an einer überfischten Stelle, dass die Fische 2 Tage durchgehend in der Fahrrinne topten. Richtige und fast ausschliesslich nur Kanonen! Aber allen Künsten zum Trotz nicht ans Band zu bekommen waren. Fast wäre ich verrückt geworden. Nach 2 Tagen war der Spuk zu Ende und ich blank! Meistens, aber auch nicht immer gilt an der Weser das Phänomen: Besser du siehst sie nicht toppen, dann kannst du sie fangen! Diese Erfahrung habe ich vor allem im Frühjahr gemacht. Konkret heisst das, dass auch wenn wir die Fische gefunden haben, dieses nicht gleichzeitig einer Fanggarantie gleichkommt. Da sich die Fische eher selten durch toppen zeigen, wir an der Weser aber viele bisslose Stunden erleben, heisst das im Umkehrschluss nicht gleichzeitig, dass die Fische nicht anwesend sind! Schizophren? Ja, sehr - leider! Wir glauben, wir haben die Fische gefunden, sehen sie nicht und fangen sie nicht, also wissen wir es auch nicht wirklich. Oder wir sehen die Fische und fangen sie trotzdem nicht? Ja was denn jetzt? Wirklich crazy, Stelle wechseln, in beiden Fällen, auch wenn es schwerfällt toppende Karpfen allein zu lassen. Sie fressen an einer anderen Stelle, möglicherweise nur 100 Meter stromauf und da müssen die Ruten liegen!
Auch aus eigener Erfahrung kann ich es beinahe garantieren, dass es an den Plätzen, an denen es im Vorjahr noch so schön funktionierte, im darauf folgenden Jahr, hundertprozentig, deutlich, wenn nicht sogar drastisch schlechter wird! Selbst, wenn man seine ertragreichen Plätze nicht überstrapaziert und häufig die Stellen wechselt, verlieren diese langfristig stetig an Attraktivität. Schliesslich ist man nie so ganz alleine, so dass man seine Angelplätze nach eigenem Gutdünken hegen und pflegen kann. Ein weiterer Grund ist die Dynamik an unseren Flüssen, welche uns mit der Suche nach den Karpfenfischen zwangsläufig immer wieder von vorne anfangen lässt, insbesondere dann, wenn wir besser abschneiden wollen als der Durchschnitt.
Ständig verändert sich der Flussverlauf, ob durch Baggerarbeiten oder das nächste Hochwasser. Natürliche Fressfelder verschwinden und siedeln sich anderswo wieder an und mit ihnen verschieben sich ebenso die Fressplätze der Karpfen. Es gibt sie zuhauf, die Geschichten der Karpfenangler die auszogen, um an der Weser Karpfen zu fangen. 1000-2000 Stunden per Anno verflogen wie im Nu - ohne auch nur einen einzigen Biss. Übrig blieben oftmals Frustration, Enttäuschung und geplatzte Träume. Das muss nicht sein, wenn man seine Erwartungen und Ziele nicht gleich in unerreichbare Höhen schraubt, aus Misserfolgen die richtigen Schlüsse zieht, seinen eigenen Weg sucht und ihn konsequent geht. Es gibt am Fluss keinen bequemen Königsweg, auf dem man mal eben eincheckt und einfach nur folgt. Nein, möchte man das Geheimnis der Flusskarpfen entdecken, zahlen sich Mobilität, Knochenarbeit und Zeiteinsatz aus – irgendwann. Doch all diese Mühen und Zeit, sowie das investierte Lehrgeld summieren sich eines Tages zu einem Erfahrungsschatz von unschätzbarem Wert. Aus diesem wird man, ganz gleich welches Flussufer man in seinem Leben noch betritt, immer wieder profitieren. Wie oft habe ich es in meinem Karpfenanglerleben schon gehört: „Hier möchtest du Karpfen fangen?“ Mit dem Zeigefinger tippend an der Stirn, die Augen verdreht, verabschiedet sich ungläubig der eben noch nette Gesprächspartner. Und immer dann wusste ich, hier, genau hier bist du goldrichtig! Und meist waren es eben diese Plätze, an denen ich die hellsten Sternstunden erlebte!
440 Flusskilometer, puh, wo denn nun anfangen? Logischerweise kann man weder die Weser noch andere Gewässer neu erfinden und Karpfen lassen sich schliesslich fast überall fangen, nicht nur an der Stelle, wo Mister X oder Y einen gefangen hat. Es kristallisieren sich aber mit der Zeit immer wieder Stellen heraus, die ein bisschen besser geeignet zu sein scheinen. Das müssen nicht immer strategische Stellen, wie Wehre, Hafeneinfahrten oder Inseln sein. Nein, manchmal sind es auch einfache, leicht kiesige Stellen auf Strecke oder leichte Vertiefungen mit Schlammablagerungen. Es ist oftmals nicht so ganz einfach oder nachvollziehbar, die wahren Gründe zu erkennen, warum die Karpfen genau an diesem oder jenen Platz bevorzugt fressen und fangbar sind. Eines jedoch ist nachweisbar, je mehr Stellen ich befische, desto höher die Chance, einen solchen bevorzugten Platz zu finden. So ganz nebenbei lerne ich auf dieser Suche das Gewässer wirklich sehr gut kennen und baue mir nach geraumer Zeit einen wahren Pool an top Plätzen auf. Übrigens habe ich es selbst immer, auch wenn es noch so bombastisch lief (gerade dann!), so gehalten, dass ich bei unangenehmen plötzlich auftauchenden Nachbarn meine sieben Sachen zusammen gepackt habe! Dieses stumpfe „Plopp“ des Futterkorbes, genauso wie das Rasseln der Aalglocken bis weit hinein in die späten Nachtstunden, hat tiefe Narben auf meinem Nervenkostüm hinterlassen.
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