karpfen.04

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1999 Lac de Saint Cassien

Das Angeljahr neigte sich einmal mehr dem Ende, doch wollten Kai und ich das Jahr noch irgendwie besonders ausklingen lassen. Nach langem brüten beschlossen wir, die letzte Novemberwoche `99  in der Sonne Südfrankreichs zu verbringen und fuhren zum Cassien. Die Anreise war recht beschwerlich, da Schnee und Regen die Straßen zu Rutschpisten werden ließ. Doch, so redeten wir uns ein, wenn wir erstmal hinter Luxemburg sind und Französisches Terrain in Sichtweite kommt, wird alles besser. Ein Irrtum. Nach 14 Std. Fahrt am Cassien angekommen, schüttete es wie aus Eimern.

Dazu kamen stürmische Winde. Wir fragten uns allen Ernstes, welcher Diabolo uns geritten hat, im November hierher zu fahren. 24 Grad, Sonnenschein und Ententeich hatten wir erwartet. Da Kaichen aber nun schon einiges von mir gewohnt war, pumpten wir im strömenden Regen beide Boote auf, rödelten das Ganze Gelumpe in unser großes Boot, setzten uns in das kleine und ruderten davon. Die Wellen waren für Cassien Verhältnisse doch schon recht angsteinflößend. Keine guten Aussichten, falls das große Beiboot durch eine Böe kippt und das gesamte Tackle in den teilweise 40 m Untiefen des Cassiens auf nimmer Wiedersehen verschwindet.

Desweiteren machten uns eisige Temperaturen zu schaffen. Frierend und schlotternd, dazu die Angst um unser Beiboot, überquerten wir fast den ganzen See, um zu unserer Stelle zu kommen. Noch allzu gut kann ich mich an Kai`s knallrote, klitschnasse Hände erinnern, die die Ruder kaum noch halten konnten :-). Vom Sturm wurden wir 2 mal zum Notlanden am Ufer gezwungen. Doch irgendwie war da dieser nicht zu bändigende  Wille (Dickkopf?) unsere vorher besprochene Stelle anzusteuern. Es mußte unbedingt dieser eine Platz sein, ein anderer kam nicht in Frage!

Völlig entkräftet, fix und fertig erreichten wir unseren Angelplatz. Noch immer schüttete und stürmte es. Wir bauten unsere Bivys auf, loteten die Stellen aus und ruderten die Rigs samt Futter raus. Mittlerweile war es 18.30 Uhr und stockdunkel. Die Ruten waren ausgelegt und nach einer kurzen Stärkung sanken wir völlig erschöpft, den ganzen Strapazen Tribut zollend, in den Schlafsack. Doch schon 1,5 Std. später trieb mich ein Dauerton aus meinem Erschöpfungszustand. Taumelnd stürzte ich zur Rute und nahm Kontakt auf.

Sofort bemerkte ich, das mein Gegenüber sich überhaupt nicht beeindrucken ließ. Also, ab ins Boot und zum Fisch rudern. Schnell war ich über dem Fisch, der immer die Flucht in die Tiefe suchte. Es ist die für mich spannendste und aufregendste Art Karpfen zu drillen, wenn man mit dem Boot über dem Karpfen ist und der Fisch, in diesem Fall ca. 35 m Tiefe unter sich hat. Diese Fluchten, senkrecht in die Tiefe, mit anschließendem Pumpen sind echte Schwerstarbeit und auch ein kleinerer Fisch entfaltet ungeahnte Kräfte. Nach 20 Minuten wanderte der Spiegler in den Kescher. Schlaftrunken erwartete Kaichen mich bereits am Ufer und staunte nicht schlecht.

Die Müdigkeit war wie weggeblasen, für alle Strapazen waren wir bereits entschädigt und ein wenig euphorisch begaben wir uns nach dem obligatorischen After Catch Cappuccino wieder zur Nachtruhe. Diese sollte auch diesmal nicht lange währen. Um Mitternacht der nächste Voll-Run. Wahnsinn, wie das in der nächtlichen Stille am Cassien, inmitten der Berge hallt! Ein absolutes Spektakel, daß uns jedesmal senkrecht hochschrecken liess. Auch diesen Fisch drillte ich vom Boot. Nach ca. 25 Minuten Fight war der nächste Cassien-Kracher im Netz! Unglaublich!

Kaichen, der mich bereits wieder am Ufer erwartete konnte es auch nicht fassen. Innerhalb von 4 Std. hatte sich der ganze Aufwand bereits gelohnt. Frohen Mutes und wild spekulierend wie es wohl weitergeht, gingen wir wieder zur Nachtruhe über. Morgens um 6 Uhr dann der 3. Abzug!
Ein weiterer schöner Fisch wanderte in den Kescher. Ungläubig sassen wir morgens beim Frühstück und liessen die Ereignisse seit unserer Abfahrt in Stukenbrock Revue passieren. Die Sonne ging auf und das Unwetter vom Vortag hatte sich anscheinend verzogen.

Es war wieder ein typischer Kaichen-Ulli Trip! Wir fotografierten die beiden eingesackten Fische und filmten noch kurz mit einer Video Kamera. Natürlich wurden bereits nach dem 1. Fang die ersten sms` verschickt und nach Anschalten des Telefons trudelten die ganzen Antworten ein. Carping pur!

Wir entspannten den ganzen Tag über bei herrlichem Sonnenschein und philosophierten über die Dinge, die da noch kommen sollten. Die Dunkelheit brach ein und ein toller Tag ging zu Ende. Pünktlich um 20 Uhr der nächste Abzug! Nach erfolgreichem Drill freuten wir uns darüber, dass wir mit den Ruten, die alle in unterschiedlichen Tiefen platziert waren, goldrichtig lagen. Auch der Mitternachtsfisch kam pünktlich, schlitzte aber kurz nach dem Anschlag aus. Unglaublich, auch der 6 Uhr Fisch kam pünktlich, konnte diesmal auch sicher gekeschert werden.

Mitte der Woche entdeckte ich früh morgens einen sich an der Oberfläche drehenden Fisch. Ich ruderte hin und sah einen Barsch, der von einem dieser Fischreiher heftigst malträtiert, aber aufgrund seiner Größe nicht verspeist werden konnte. Diesem Elend bereitete ich ein Ende und der ca. 4 Pfündige Barsch wanderte schnurstracks in unsere Bratpfanne. Von dem leckeren Geruch angezogen kroch Kai aus seinem Bivy und wir frühstückten morgens um 8 Barschpfanne! Mit soviel Eiweiß am Morgen konnten wir auch die nächtlichen Erfolge stemmen und fotografierten anschließend die Fische.

Einer der seltenen Schuppis am Cassien

Gegen Ende der Woche liess die Beißfreudigkeit etwas nach. Bemerkenswert, dass sich die Fische exakt + - 15 Minuten an die Uhrzeiten der ersten Nacht hielten. Wir erlebten tolle Tage mit durchgehend Sonnenschein und waren traurig, daß der Zeitpunkt der Abreise immer näher rückte. Noch heute erinner ich mich gern an die tollen ruhigen Morgenstunden am Cassien, wo die Nebelschwaden beruhigend über das Wasser zogen und ich  sehnsüchtig darauf wartete, daß die Uhr 6 zeigt.

Auf unserem Rückweg hielten wir noch bei einem Franzosen an, der bereits seit Ende September am Cassien hockte und den ganzen Winter dort verweilen wollte. Er wartet wahrscheinlich noch heute auf seinen persönlichen Cassien Carp des Lebens. That`s life!

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